(In den folgenden Abschnitten wurde aus Gründen der Lesbarkeit die einfachere männliche Form gewählt; selbstverständlich sind aber immer beide Geschlechter gemeint.)


Einleitung
Psychotherapie ist psychologische Heilkunde, also die Behandlung von Krankheiten mit psychologischen Mitteln.
Häufig geht es dabei um Erkrankungen, die eine psychische Ursache haben. Aber auch die psychischen Begleiterscheinungen und Folgen anderer, meist körperlicher Erkrankungen können psychotherapeutisch behandelt werden.

Psychotherapie ist eine gesetzliche Leistung der Krankenkassen, d.h. jeder gesetzlich Versicherte hat darauf denselben Anspruch wie auf medizinische Behandlung. Psychotherapie findet stationär in speziellen Kliniken statt und ambulant bei niedergelassenen Psychotherapeuten oder in öffentlichen Einrichtungen (z.B.an manchen Beratungsstellen). Neben den Mitgliedern der Landeskammer für Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten (Landespsychotherapeutenkammer) sind auch besonders ausgebildete Ärzte als Psychotherapeuten tätig. (Diese sind aber nicht Mitglieder unserer Kammer, sondern der Ärztekammer.)

In den Landespsychotherapeutenkammern sind die beiden Berufe des Psychologischen Psychotherapeuten und des Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten vereinigt. Sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern und Jugendlichen unterscheidet man weiter nach den verwendeten Verfahren: für beide Gruppen können im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung verhaltenstherapeutische, psychoanalytische oder tiefenpsychologisch fundierte Behandlungen durchgeführt werden. Andere Verfahren der Psychotherapie, wie beispielsweise die Gesprächspsychotherapie oder die Familientherapie sind derzeit (noch) keine Leistung der Gesetzlichen Krankenversicherung und können deshalb nur privat in Anspruch genommen werden.
Wann ist Psychotherapie angezeigt?
Gemäß den Richtlinien des Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen wird Psychotherapie im öffentlichen (also von Kassen und Privatversicherungen getragenen) Gesundheitswesen bei folgenden Erkrankungen angewandt:

1.
"Krankheitswertige Störungen der Wahrnehmung, des Verhaltens, der Erlebnisverarbeitung, der sozialen Beziehungen oder der Körperfunktionen".
Dazu gehören unter anderem:
• Ängste;
• Depressionen;
• Zwangserkrankungen;
• Ess-Störungen (z.B. Bulimie, Anorexie);
• Verhaltensstörungen (bei Kindern z.B. Bettnässen);
• chronische Schmerzen ohne ausreichenden körperlichen Befund;
• psychisch bedingte Störungen der Sexualfunktionen und anderer körperlicher Funktionen, wie etwa des Blutdrucks, der inneren Organe, des Bewegungsapparates, usw.;
• psychosomatische Erkrankungen, d.h. körperliche Erkrankungen, die durch psychische Faktoren ausgelöst oder aufrechterhalten werden.

2.
"Seelische Folgen einer körperlichen Erkrankung oder eines Traumas" (d.h. einer schweren körperlichen oder psychischen Verletzung).
Dazu gehört unter anderem:
• die Nachsorge, Rehabilitation und Begleitung bei schweren körperlichen Erkrankungen;
• die Behandlung akuter und chronischer Störungen nach schweren Traumata (also etwa Unfällen, Folter, Vergewaltigung);
• die Behandlung "seelischer Folgen frühkindlicher emotionaler Mangelzustände"  (sogenannte Persönlichkeitsstörungen) oder "seelischer Folgen schwerer Erkrankungen oder Traumata in der Kindheit".

3.
"Seelische Folgen von Psychosen" (im Anschluss an die psychiatrische Behandlung) "oder Suchterkrankungen" (meist erst nach stabilisiertem Entzug).

Die folgende Tabelle gibt einen zusammenfassenden Überblick über diese Indikationsbereiche:


Psychotherapie wird angewendet zum Beispiel bei
präventiv
(vorbeugend)
Risikogruppen
kurativ
(heilend)
Neurosen, Psychosomatosen und funktionellen (auch körperlichen) Störungen, psychischen Traumata und Akutreaktionen, Entwicklungs- und Persönlichkeitsstörungen
rehabilitativ
(wiederaufbauend)
Psychosen, Sucht, neuropsychologischer Rehabilitation
palliativ
(lindernd, begleitend)
chronisch oder progredient verlaufenden (körperlichen) Erkrankungen

Häufig empfiehlt der Haus- oder Facharzt als erster die Inanspruchnahme einer Psychotherapie. Unabhängig davon können Patienten aber auch direkt einen Psychotherapeuten ihrer Wahl aufsuchen, dessen Aufgabe es ist, die endgültige diagnostische Abklärung und Indikationsstellung für eine Behandlung vorzunehmen.
Psychotherapie in der gesetzlichen Krankenversicherung
Psychotherapeuten, die an der vertragspsychotherapeutischen Versorgung teilnehmen, sind, genau wie die niedergelassenen Ärzte, Mitglieder ihrer regionalen Kassenärztlichen Vereinigung (KV). (Die Netzadresse der baden-württembergischen KV finden Sie unter Internetverbindungen). Wer als Vertragspsychotherapeut oder Vertragsarzt niedergelassen ist, darf und muss auf Kosten der gesetzlichen Krankenkassen tätig werden, wenn eine Erkrankung vorliegt. D.h. er darf weder die im Leistungskatalog der Kassen für diese Krankheit vorgesehenen Maßnahmen einem Kassenpatienten ganz oder teilweise privat in Rechnung stellen, noch darf er Leistungen zu Lasten der Kasse erbringen, die in diesem Katalog nicht aufgeführt sind.

Aufgrund der nicht am fachlichen, sondern am administrativen Bedarf erfolgten Zulassungen zur vertragspsychotherapeutischen Versorgung kann es insbesondere in mittelstädtischen und ländlichen Regionen Baden-Württembergs und speziell bei Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten zu überlangen Wartezeiten kommen, bevor mit der Therapie begonnen werden kann. Wenn im Einzugsbereich des Wohnortes des Patienten deshalb kein Therapieplatz bei einem zugelassenen Arzt oder Vertragspsychotherapeuten in einem zumutbaren Zeitraum (ca. 3 Monate) zur Verfügung steht, kann auch bei einem nicht zugelassenen Psychotherapeuten auf der Grundlage des § 13 Abs. 3 SGB V (Kostenerstattung bei einer medizinisch unaufschiebbaren Leistung) eine Psychotherapie in Anspruch genommen werden. Voraussetzung dafür ist, dass der Psychotherapeut eine Fachkunde in einem kassenrechtlich zugelassenen Psychotherapieverfahren nachweisen kann und die Krankenkasse die Behandlung aufgrund des Nachweises, dass bei einem zugelassenen Arzt oder Psychotherapeuten kein Therapieplatz in einem zumutbaren Zeitraum zur Verfügung steht, auf Kostenerstattungsbasis vor der Durchführung der Psychotherapie genehmigt hat.

Psychotherapie als Pflichtleistung der gesetzlichen Krankenkassen unterliegt weiteren besonderen Regelungen:

Zu diesen gehört, dass nach den ersten diagnostischen Gesprächen ein Antrag bei Ihrer Kasse gestellt werden muss, der ggf. auch von einem externen Gutachter zu beurteilen ist. Nach dessen Genehmigung übernimmt dann die Kasse die Kosten für eine bestimmte Anzahl von Therapiestunden. Sollte sich herausstellen, dass dieses Kontingent nicht genügt, so sind Verlängerungen bis zu einer festgelegten Höchstgrenze möglich.

Wenn bei einer Psychotherapie aus irgendeinem Grund für mehr als sechs Monate keine Sitzungen in Anspruch genommen werden, gilt die Therapie für einige Kassen als beendet. Vor Ablauf von zwei Jahren nach Beendigung einer Psychotherapie kann eine neue Therapie nur unter erschwerten Bedingungen aufgenommen werden, denn sie ist dann in jedem Falle gutachterpflichtig.

Psychotherapie ist keine passiv hinzunehmende Anwendung, wie etwa Operationen, Bestrahlungen oder Akupunktur, sondern sie setzt die aktive Mitarbeit der Patienten voraus. (Psychotherapeuten sind Leute, die sich für ihre Patienten Zeit nehmen, und erfolgreiche Patienten sind Leute, die diese Zeit durch aktive Mitarbeit gut nutzen.)

Auch bei Psychotherapien gilt selbstverständlich die Schweigepflicht in vollem Umfang. Wegen der besonderen therapeutischen Beziehung während einer Psychotherapie wird Ihr Psychotherapeut auch weitergehende (gesetzlich zulässige) Wünsche der Vertraulichkeit respektieren (etwa, wenn Sie nicht wollen, dass Ihr Hausarzt über Ihre Erkrankung unterrichtet wird). Unvereinbar mit der Beziehung während einer Psychotherapie, unvereinbar auch mit dem psychotherapeutischen Berufsethos und ggf. von strafrechtlicher Relevanz ist natürlich der sexuelle Kontakt zwischen Therapeut und Patient.

Manchmal ist es vor oder während einer Psychotherapie notwendig, eine medikamentöse Unterstützung zu sichern. Wenn Ihr Psychotherapeut gleichzeitig auch Arzt ist, wird er die Verordnung in vielen Fällen selbst vornehmen, ansonsten wird das (im ambulanten Bereich) in Zusammenarbeit mit ihrem Haus- oder Facharzt geschehen.
Psychotherapie in der privaten Krankenversicherung
Die allermeisten privaten Krankenversicherungen (und die Beihilfestellen des öffentlichen Dienstes) haben inzwischen befriedigende Regelungen bezüglich der Erstattung psychotherapeutischer Leistungen. Wie beim Arzt auch, so besteht auch beim Psychotherapeuten eine Rechtsbeziehung nur zwischen Patient und Therapeut. Der Patient erhält deswegen eine Privatrechnung, die nach den in der amtlichen Gebührenordnung (GOP / GOÄ) ausgewiesenen Ziffern und Gebührensätzen auszustellen ist, und für deren Begleichung er verantwortlich ist. Im einzelnen sind die Privatversicherer in der Ausgestaltung ihrer Bedingungen weitgehend autonom. Wir empfehlen deshalb, dass Sie sich vor Beginn einer Therapie nach den jeweiligen Bestimmungen Ihrer Versicherung erkundigen. Ihr Psychotherapeut wird, wie in der gesetzlichen Versicherung auch, alle evtl. erforderlichen Anträge und Unterlagen ausfüllen.

Erkundigen Sie sich bitte auch, welche Steigerungssätze Ihre Versicherung für Psychotherapie vorsieht. Für persönliche ärztliche Leistungen wird normalerweise ein Faktor von 2,3 berechnet, und auch Ihr Psychotherapeut wird das aller Wahrscheinlichkeit nach tun. Sollte Ihre Versicherung für Psychotherapie nur einen geringeren Satz vorsehen, sprechen Sie mit Ihrem Therapeuten, haben Sie aber Verständnis dafür, dass er den üblichen ärztlichen Satz verlangen darf.

Im übrigen gelten die im vorigen Abschnitt (Psychotherapie in der gesetzlichen Krankenversicherung) dargestellten allgemeinen Hinweise zur Psychotherapie hier entsprechend.

(Autor: Hans Metsch (2001), mit Dank an
Detlev Kommer für Durchsicht und Ergänzungen)
Zuzahlungen zu Psychotherapien

Es erreichen uns immer wieder Anfragen bzw. Beschwerden von Patientinnen und Patienten, die sich darüber beklagen, dass sie bei ihren Psychotherapien im Rahmen der Gesetzlichen Krankenversicherung von ihren Psychotherapeuten aufgefordert werden, eine private Zuzahlung zu leisten.

Dieses Vorgehen ist nach dem Bundesmantelvertrag – Ärzte (BMV-Ä) eindeutig illegal. Dort ist im 7. Abschnitt, § 18 festgelegt:

Zuzahlungspflichten der Versicherten und Vergütungsanspruch gegen Versicherte
(10) Der Vertragsarzt darf für vertragsärztliche Leistungen mit Ausnahme von
1. der Erstinanspruchnahme oder Inanspruchnahme ohne Überweisung gemäß § 28 Absatz 4 SGB V,
2. bei Massagen, Bädern und Krankengymnastik, die als Bestandteil der ärztlichen Behandlung erbracht werden,
von Versicherten keine Zuzahlungen fordern.

Demnach darf also außer der sog. Praxisgebühr von GKV-Patienten keine Zuzahlung für Leistungen wie bspw. für rasche Terminvereinbarung erhoben werden.

Wir bitten diese gesetzliche Regelung zu beachten!

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LPK-Broschüre "Wege zur Psychotherapie"

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