Psychotherapie bei Intelligenzminderung – Zusammenarbeit mit den Hilfesystemen

5. Veranstaltung des Arbeitskreises – Vortrag Kerstin Lutz

(LPK BW)

Die Ende September 2021 gestarteten Online-Seminare gestaltet von Mitgliedern des Arbeitskreises  „Psychotherapie für Menschen mit intellektueller Entwicklungsstörung“ wurde am 26. April 2022 fortgesetzt. Erneut besuchten über 80 Teilnehmer*innen den nun 5. Fortbildungsabend des Arbeitskreises der LPK BW Psychotherapie für Menschen mit intellektuellen Entwicklungsstörungen; über ein Drittel war erstmals dabei. Dieses Mal wendete sich Dr. Kerstin Lutz dem wichtigen Thema „Zusammenarbeit mit den Hilfesystemen“ zu. Nach kurzer Einführung in die Anliegen des AK, wie z.B. der Erweiterung der regionalen Zusammenarbeit in Qualitätszirkeln und der Erhöhung der Anzahl niedergelassener Psychotherapeut*innen, die sich zutrauen auch Patient*innen mit intellektuellen Beeinträchtigungen zu behandeln, stellte Dr. Roland Straub, Behindertenbeauftragter und Mitglied des LPK-Vorstands die Referentin des Abends vor. Kerstin Lutz habe als erste PiA in der LPK-Vertreterversammlung, noch während ihrer Ausbildungszeit und angestellt in einer Praxis, erste Erfahrungen mit Menschen mit geistiger Behinderung sammeln können und sei dem AK bei Gründung noch als PiA und jüngstes Mitglied beigetreten. Seitdem habe sie das Thema nicht mehr losgelassen, sei ihr zur Mission geworden, weshalb sie seit Beginn auch im AK mitgearbeitet habe und im Qualitätszirkel der Region Reutlingen/Tübingen bis heute engagiert sei. In ihrer aktuellen Tätigkeit in einem Ausbildungsinstitut habe sie nun mit Ausbildungskandidat*innen in Lehre und ambulanter Praxis zu tun und versuche auch diese nun zu interessieren und zu begeistern für diese Arbeit.

Dr. Kerstin Lutz mit Moderator Dr. Roland Straub und Backoffice Johny Varsami

In ihrem inhaltlich klar strukturierten Vortrag zeigte die Referentin  anhand von Fallbeispielen zunächst auf, dass bei diesem besonderen Personenkreis fast immer auch gleichzeitig mehrere (meist professionelle) Hilfesysteme bereits aktiv sind. Komme es zu Problemen und werde eine Psychotherapie wegen einer indizierten psychischen Störung im ambulanten Setting für sinnvoll erachtet, so gelte es, eine Form der Zusammenarbeit aber auch Abgrenzung zu diesen Systemen zu finden und während der Psychotherapie fortlaufend einzubeziehen, deren Rahmen kennenzulernen und ggf. umzugestalten. D.h. also, die Kommunikation, Zusammenarbeit und Verantwortungsverteilung zwischen diesen Systemen bzw. multiprofessionellen Teams zu verstehen  und zu klären. Manchmal könne es auch sein, dass Personen aus dem engeren sozialen Umfeld durch ihre Fähigkeiten im Umgang mit dem behinderten Menschen diesem sinnvollerweise auch während der Therapie zur Seite stehen. Oft seien es auch die Eltern, die co-therapeutisch begleiten, immer im Einklang mit dem Selbstbestimmungsrecht. Die Erfahrung zeige, dass Menschen mit geistiger Behinderung ihre Anliegen meist selbst ganz gut vertreten könnten. Aufgrund dieses gegebenen Settings sei eine sorgfältige Zielklärung besonders wichtig zur Frage: Wer hat welche Ziele? Wie ist der Behandlungsauftrag? Es könne sein, dass Therapieziele im Sinne der Patient*innen sich von denen der relevanten Betreuungspersonen unterscheiden. Deshalb sei es z.B. wichtig, die unterschiedlichen Anliegen zu koordinieren und eine gemeinsame Sprache zu finden mit klarer Verantwortungsteilung und schriftlicher Festlegung, wer welche Aufgabe übernimmt. In der über Chat geführten Diskussion wurde vor allem die Thematik der Arbeit mit multiprofessionellen Teams und den Erfahrungen dazu nochmals aufgegriffen. Kritische Fragen zu den eingeschränkten Möglichkeiten und Überlegungen vor allem zum Zeitaufwand und der unklaren Kostenübernahme z. B. erforderlicher Betreuergespräche wurden gestellt. Hierzu wurden auch runde Tische empfohlen, die aber in der Praxis manchmal auch unergiebig seien. Mit Hinweis auf geplante regionale Fortbildungen zur Komplexversorgung wurde angeregt, hierzu in diesem Rahmen eine weitere Fortbildung mit Blick auf die Zielgruppe zu planen. Insgesamt gab es viel Lob zum Vortrag, der neue Anregungen gegeben habe und Ermutigung, da es hilfreich gewesen sei, zu erfahren, wie man die Verantwortung auch teilen könne.

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